Wiederansiedelung des Flusskrebses

„Artenhilfsprogramm Flusskrebse“ des Bezirks Unterfranken erfolgreich angelaufen

GRAFENRHEINFELD/RÜGHEIM. Die Fachberatung für Fischerei des Bezirks Unterfranken führt seit 2001 ein Hilfsprogramm für den Flusskrebs durch. Flächendeckende Kartierungen des Rest-Vorkommens von Astacus astacus, wie der heimische Fluss- oder Edelkrebs wissenschaftlich heißt, waren Grundlage des Projektes. Jetzt wurden 130 Tiere aus eigener Nachzucht aus einem Baggersee bei Grafenrheinfeld (Landkreis Schweinfurt) in der Nähe von Rügheim (Landkreis Haßberge) ausgesetzt.

Flusskrebse zählen zu den ältesten Lebewesen. Es gab sie schon vor 250 Millionen Jahren. Sie wanderten aus den Meeren, wo heute noch ein großer Artenreichtum der Gliederfüßer herrscht, die Flüsse hinauf. Von den weltweit hundert Süßwasser-Arten sind fünf in Europa heimisch, zwei davon in Unterfranken. Der Flusskrebs und sein kleinerer Verwandter, der Steinkrebs, bevölkerten einst massenhaft die heimischen Gewässer. Der Krebsfang war ein gewichtiger Faktor in der Fischerei.

Anklicken zum Vergrößern!Krebse bilden ein wichtiges Glied in der Lebensgemeinschaft der Gewässer. Sie ernähren sich von Schnecken, Würmern, Insektenlarven und verendeten Lebewesen. Damit stellen sie eine Art Gesundheitspolizei am Gewässerboden dar. Zudem halten sie Gewässer frei, indem sie Wasserpflanzen und Algen fressen. Krebse dienen ihrerseits Wasservögeln, größeren Fischen sowie Bisam, Fischottern und Ratten als Nahrungsquelle. Die nachtaktiven Krabbler gelten auch als schmackhafte Delikatesse für die Feinschmecker unter den Menschen. Weil der Panzer nicht mitwächst, muss sich der Edelkrebs, den es in rotbraunen und blauen Farbvarianten gibt, gelegentlich häuten. Dann ist er besonders den Nachstellungen seines Hauptfeindes, des Aals, ausgesetzt.

Heute stehen die heimischen Krebse auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten in Bayern. Den Hauptgrund dafür sieht Dr. Wolfgang Silkenat, Leiter des Referats Fischerei beim Bezirk Unterfranken, in der Einfuhr amerikanischer Krebse. Seit deren Import um 1860 sei der Bestand heimischer Arten schlagartig zurückgegangen. Schuld daran war die „Krebspest“, hervorgerufen durch einen Fadenpilz, der wahrscheinlich mit importiert wurde. So trat der atlantik-amerikanische Kamberkrebs, resistent gegen die Krankheit und durchsetzungsfähiger gegenüber Fressfeinden, seinen Siegeszug an. Immer wieder wurde versucht, Krebse bei uns heimisch zu machen. Dazu siedelte man auch den pazifisch-amerikanischen Signalkrebs und den osteuropäischen Galizierkrebs an. Alle zusammen drängten die heimischen Krebse zurück. Ein Übriges trug die Gewässerverschmutzung bei.

Inzwischen ist das Aussetzten von Import-Krebsen verboten. Die Gewässer haben durch aktiven Umweltschutz wieder eine bessere Qualität. So sind neue Chancen für die heimischen Krebse entstanden. Überall dort wo keine Krebspest zu erwarten ist und wo der Flusskrebs nicht zur Bedrohung des Steinkrebses wird, schien eine Wiederansiedelung sinnvoll.

So wurde das „Artenhilfsprogramm Flusskrebse“ gestartet. Zunächst stellte man die vorhandenen Krebsbestände fest. Insgesamt wurden dazu 999 Gewässerstrecken untersucht. Dabei entstand die bisher dichteste Krebskartierung in Bayern. Im Ergebnis zeigte sich, dass der Flusskrebs in Unterfranken praktisch ausgestorben war. Im Main wurde er durch den Kamberkrebs verdrängt. Lediglich an 25 Fundorten, vornehmlich in Spessart und Rhön, wurden Flusskrebse gefunden. Diese waren vermutlich aus Teichen entwichen oder von vorangegangenen Besatzversuchen übrig. Immerhin an 55 Fundorten (Steigerwald und Haßberge) wurde der Steinkrebs nachgewiesen. Er soll in Zukunft noch stärker geschützt werden. Der Galizische Sumpfkrebs spielt in Unterfranken kaum eine Rolle. Problematisch dagegen sei, so Silkenat, die punktuell starke Verbreitung des Signalkrebses. Dieser wandere, im Gegensatz zum Kamberkrebs, in kleinere Fließgewässer. Schwerpunkte fanden sich in der Kahl, im Fluss-System der Saale und bei Castell.

Parallel begann die Nachzucht von Flusskrebsen in Waldseen im Haßbergkreis sowie im Sauerstücksee bei Grafenrheinfeld, einem Biotop aus Menschenhand, das aus einem Baggersee entstand. Hier setzte man etwa 200 Krebse eines Augsburger Züchters ein. Inzwischen konnten bereits 1.000 Tiere entnommen und in andere Nachzuchtgewässer verbracht werden.

Erstmals wurden nun 130 Flusskrebse im Bereich der Nassach ausgesetzt. Sie sind Teil eines Wiederansiedelungsprogramms der dortigen Hegefischereigenossenschaft, zu der neun aktive Fischereivereine gehören, die sich dem Naturschutz in besonderer Weise verschrieben haben. Weitere Besatzmaßnahmen sind geplant. Insgesamt sollen rund 800 Tiere in die Nassach und ihre Nebengewässer verbracht werden.

Ziel der Projektes, an dem sich der Fischereiverband Unterfranken e.V. zu 50 Prozent beteiligt, ist es, für dieses Vermehrungs- und Weitergabesystem neue Partner in ganz Unterfranken zu gewinnen. An 50 Stellen soll der Flusskrebs, in stehenden und fließenden Gewässern, Keimzellen bilden und sich von dort aus weiter verbreiten. Gleichzeitig hat man den Übersee-Krebsen den Kampf angesagt, der freilich nur schwer zu gewinnen sein dürfte.
wkn

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